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Das Loch, das du hinterlässt




T: Was für ein Tag. Nein, genauer, was für eine Woche! Absolut zum an den Kopf greifen und aus der Haut fahren. Ich weiß, ich habe diesen Job erst seit es auch dieses Tagebuch gibt, aber vielleicht wird es auch schon wieder Zeit für etwas neues! Wie passend, dass heute wohl schon wieder ein Portaltag war.

Herr der Gegenwelt/ Anubis: Und? Wie entscheidest du dich?

T: Ich entscheide mich dafür, endlich dieses dumme »Wissen der Elfen« zu veröffentlichen! Eben ist mir dazu traurigerweise aufgefallen, dass ich an dieses Buch nicht glaube. Ich gehe fest davon aus, dass es in der Masse verschwindet. Ebenso, wie die beiden Drachenkind-Romane.

HG: Dabei weißt du doch, woraus du deine Motivation ziehst. Nicht aus den Zehntausenden, die sagen »Das mag ich«, sondern aus den Fünfen, die sagen »Ich werde nicht mehr ohne das leben!«.

T: Schon wahr. Könnte mein Geldschiff bitte trotzdem bald kommen? Ich muss dringend aus dieser Angestellten-Masche raus!

HG: Wir haben es dir schon einmal gesagt – WIE soll das Geld kommen, wenn das Produkt nicht da ist?


T: Jetzt tu nicht so, es gibt zwei Drachenkinder und eine Muse und eine Kurzgeschichte, in die ich hohe Hoffnungen hatte, und die exakt NULL Downloads hatte. Lass mich das mal eben wiederholen: NULL Downloads.

HG: Das sind Geschichten. Gute Geschichten, aber sie handeln nur versteckt von der Realität. Du musst DIE WAHRHEIT veröffentlichen, statt des Schleiers davor.

T: Weißt du, das ist echt einfach zu sagen, wenn man nicht selbst hier unten bis zum Hals in der Scheiße steckt. Die geistige Welt hält uns auch ganz schön bei der Stange, muss ich sagen.

HG:


Glaubst du im Ernst, ich verstünde nichts vom Leid der Menschen? Abgesehen von meiner Mutter gibt es niemanden, der euch tiefgreifender versteht als ich. Ich habe schon jede Beschwerde angehört. Jeden Grund für Trauer und Wut, den die Menschen bis heute in Worten oder Gedanken äußern konnten. Und glaub mir: Das sind eine Menge Gründe.


[London Grammar: »Could you take my place instead here? I don’t think you could take this pain.«]

T: Deine Liedauswahl. Un-fucking-fassbar mal wieder.

[Blind Guardian – In the Red Dwarf’s Tower. Es gibt darin die Liedzeile: »COME BAAAAAACK!!!«, aus voller Lunge geschrien]

HG: Jeder, der dir hinterher schreit, dass du gefälligst zurückkommen sollst, ist es nicht wert, dass du dir auch nur über die Schulter siehst. Vergiss das niemals.

T: Weil derjenige, der schreit, keine anderen Argumente mehr hat?

HG: Weil er oder sie den Grund deines Weggangs nicht verstanden hat. Das ist noch viel elementarer. Das andere ist auch korrekt, ja. Wenn dir jemand hinterher brüllt »Komm zurück!«, dann hast du energetisch bereits gewonnen. Jedenfalls, wenn die Person physisch halbwegs ungefährlich für dich ist.

T: Dennoch gehen wir immer nur weg und kämpfen nie dafür, dass sich etwas ändert.


HG: Die nachhaltigste Veränderung ist das Loch, dass du hinterlässt. Darüber wird am längsten nachgedacht. Und wenn das nicht der Fall ist – wie bei einigen bedauernswerten Verstorbenen – dann weißt du, dass in deinem Leben etwas sehr Wichtiges schiefgelaufen ist. Wenn alle sagen »Gottlob ist die weg« oder »Gottlob ist der tot«, dann ist das eine Tragödie, an der du [der Tote] arbeiten musst [in deiner ganz eigenen Version der "Hölle"]. Viel häufiger aber wirst du vermisst, und das führt dazu, dass die Zurückgebliebenen an sich arbeiten.

T: Wir können dadurch etwas verändern, dass wir gehen?

HG: Selbstverständlich. Sich abwenden ist keine Schande und keine Kapitulation. Wir befinden uns im Jahrzehnt der Abwendung – von alten Werten (»Karriere«, »Umsatz/Gewinn«, »tolle Karre«) und alten Prinzipien allerorten. »The Great Resignation«** ist nur ein kleiner Teil davon, aber ein eindrucksvoller.

[System of a Down »Lonely Day«: »And if you go, I wanna go with you. And if you die, I wanna die with you. Take your hand and walk away.«]

T: Ich muss bei diesen Liedzeilen IMMER heulen, egal wie gut ich sonst drauf bin. Und endlich verstehe ich, warum. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen. Ich beweine die Hexe aus meinem früheren Leben. Meine engste Vertraute. Die, die bereits kurz vor meiner Hinrichtung starb. Sie ist diejenige, mit der ich mitgehen will. Ich trauere um Leute, die ich in diesem Leben nicht einmal kenne! Ich sehne mich nach Seelen, die einfach nicht in meiner Reichweite scheinen.


HG: Aber genau das ist es doch. Sie sind doch in deiner Reichweite! Sie wurden um dich herum geboren und verstecken sich jetzt (mal besser und mal schlechter) hinter neuen Gesichtern. GET YOUR TEMPLE BACK TOGETHER.

T: Oh mein Gott.

HG: Ja, der auch. In Splittern.

T: Warst du damals anwesend? Hast du mitbekommen, wie wir beide umgekommen sind?

HG: Selbstredend habe ich das. Deine Energie war damals schon sehr stark. Wärst du wirklich auf einer derart dunklen Seite unterwegs gewesen, wie sie dir vorwarfen, du hättest ganze Dörfer auslöschen können. Hast du aber nicht. Ihr habt Pflanzen wachsen lassen, gute Güte. Ihr wart wesentlich mehr Druidin als Hexe. [Ich bekomme eine ganze Reihe innerer Bilder gezeigt. Sie haben alle mit der menschlichen Stimme und mit Schreien zu tun.] Unterschätze deine Stimme nicht. Menschliche Stimmen sind faszinierende Frequenzwerkzeuge. Sie können Pflanzen wachsen lassen (wie du damals), heilen oder alles einreißen wie diese Sängerinnen mit den Gläsern. Wenn ihr doch nur sehen könntet, wie eine geübte Stimme durchs Universum driftet. Was sie alles erreichen kann. Darüber sprechen wir das nächste Mal.

T: Sehr gern.



** "Die große Resignation" bezeichnet das vor kurzem aufgekommene US-Phänomen, dass ganze Horden von Menschen in kürzester Zeit kündigen, weil sie es einfach nicht mehr aushalten und einsehen, sich ausbeuten zu lassen und im Job todunglücklich zu sein.

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