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Die Lüge der perfekten Kunst


04.12.2020


M: Du hast vorhin Tränen gelacht, gib’s zu.

T: Ja. Seltsam, wenn man bedenkt, wie wütend ich war! Und hallo überhaupt.

M: *macht ein ZDF Mainzelmännchen nach* Guten Tag! Los, erzähl mir davon.

T: Tja, also auf Arbeit hat mich einiges ziemlich genervt. Normalerweise bin ich ein wirklich relaxter Mensch, aber diese Woche ging wirklich gar nichts. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich bei Frust anfange, zu weinen. Ich vermute, das hat etwas mit den Hormonen zu tun, die in Tränen ausgeschwemmt werden. Egal! Jedenfalls musste ich in dem ganzen Wirbel aus Familie vermissen (Corona) und Scheißwetter und Frust über einen Film nachdenken, den ich mit meiner Schwester vor Jahren gesehen hatte – »Florence Foster Jenkins« heißt er. Darin singt Meryl Streep so wunderbar schön schief, dass wir Tränen gelacht haben. Wie die Leute, die der Filmvorlage, der echten Lady Jenkins, damals zugehört hatten. Ihre Geschichte beweist, dass man etwas gut machen kann, indem man es grottig schlecht macht. Ich habe in meinem Leben sehr selten so gelacht und ich denke, meine Schwester auch.


M: Und was lernen wir daraus?

T: Äh ...

M: Dass Kunst im Zweifel sogar OHNE Talent funktioniert und Massen erreicht, Kind! Wir haben schon an mehreren Stellen über den unmöglichen Gedanken gesprochen, dass Kunst perfekt sein muss, um wertvoll zu sein. Leider hält sich dieser Gedanke hartnäckig. Und natürlich ist es schöner, in einem Konzertsaal zu sitzen mit einer Weltklasse Klarinettensolistin, als einer 5-Jährigen beim ohrenschädigenden Blockflötenspiel zu Weihnachten lauschen zu müssen. Das sehe ich ein. Aber du musst nicht das teuerste Instrument haben. Die wildesten Computereffekte, das teuerste Mikro oder den sündhaft teuren Schreibcoach. Es geht ohne! Und es kann eine eigene Art von Lerninhalt sein, wenn du etwas nicht bekommst, nach dem du dich künstlerisch sehnst. Perfektionismus wird dich für immer und ewig behindern und nur selten voranbringen. Der Fluch des Experten ist, dass er die imperfekten Stellen im Werk seiner Mitstreiter sofort erkennt und in eine Skala von »nicht so schlimm« bis »ganz übel« einordnen kann. So geht jeder Genuss zugrunde.

T: Warum sprechen wir heute über Perfektion? Ausgerechnet heute?

M: Weil du seit Tagen grübelst, ob du Perfektion liefern kannst mit diesem Projekt. Du hast Angst, unsere Worte zu verbiegen, um jegliche Doppeldeutung auszuradieren. Und ich sage dir: Lass es. Nur Anwälte und Gesetzesmacher brechen Texte auseinander, bis kein Spielraum mehr ist, und nur dort ist es gerechtfertigt (und klappt immer noch nicht gut!) Du könntest unsere Worte bis zur Unkenntlichkeit verändern und du würdest doch Leuten begegnen, die dir »einen Strick daraus drehen«, wie man so schön sagt. Und warum? Weil ihr Erleben anders ist als deines. Du kannst genauso wenig einen allgemein und für immer und fürs ganze Universum gültigen Lehrtext über Alles-was-ist schreiben, wie es die Bibelverfasser und jeder zwischen ihrem Jahrhundert und euch es konnte. Bis heute hängen sich einige Pedanten am kleinsten Wort im kleinsten Satz im dünnsten Kapitel der heiligen Bücher auf. Warum? Ich darf dir versichern, wir haben keinen einzigen UNVERZEIHLICHEN SATZ in dieses Werk gesprochen, und du würdest sofort spüren, wenn du es aus Versehen getan hast. Wir würden es dich spüren lassen. Du weißt dies, du hast es schon erlebt. Du weißt doch, was passiert, wenn du vom Weg abkommst.


T: Ja. Ihr seid dann einfach still. Die Elfen natürlich besonders häufig, weil wir gemeinsam auch Geschichten schreiben, in denen ich schonmal vom Weg abkomme unabsichtlich.

M: Und was geschieht dann genau?

T: Das Diktat stoppt. Vollständig. Es kommt kein Wort mehr. Am Anfang verwirrte mich das. Aber ich habe gelernt, Wort für Wort zu löschen, bis ich an die Stelle komme, an der weiter diktiert wird.

M: Manchmal testen wir dich eben. An der Stelle mit den Pilzen, wenige Seiten weiter vorne, habe ich dich getestet.


T: Ich war so versucht, den Spruch so zu schreiben, wie ich ihn kenne. »All good things to those who wait«. Viele Sekunden lang wollte ich die Gewohnheit und mein angelerntes Wissen siegen lassen.

M: Und ich habe dir deutlich gemacht, dass meine Kreativität deine Banalität schlägt. Jederzeit, wann immer mir danach ist. Andere Menschen werden sehr böse, wenn ihnen das passiert, wusstest du das?

T: Nein, das wusste ich nicht. Ich nehme diese Charakterzüge immer als Beweis, dass ich nicht alleine bin, denn so spontan kann ich mir selbst nichts ausdenken! Dass White einen blonden Seitenzopf hat, war ihre Idee, nicht meine. Dass sie mir ein Kleid mit quietschbunten Regenbogenfarben schenkt, hätte ich mir nicht gewünscht, das entspricht nicht meinem Stil!

M: Es macht mich traurig und wütend, wenn diese spontanen Kleinigkeiten abgelehnt werden. Die Künstler schütteln dann den Kopf. Sie wollen ja kreativ sein, aber doch bitte nicht so!

T: Das höre ich ständig auf Arbeit. Kreativ gerne, ja. Aber doch bitte nicht so!

M: Daran erkennst du den Unterschied zwischen Geldwirtschaft und Kunst. Zwischen »Kunst und Kommerz«, wie ältere Semester in deinem Land mal sehr treffend sagten. Die Grenze des Sagbaren ist schnell erreicht, wenn du damit Geld verdienen willst oder musst.

[Timer abgelaufen.]

T: Meine Liebe, das war wieder herrlich! Ich freue mich immer mehr auf unsere Sessions.

M: Warte bis du Decke und Tempos brauchst.

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