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Eine neue Göttin drängelt



21. März 2021


T: Liebe Ostara, es tut mir so leid, dass ich die letzten Tage nicht so richtig durchgezogen haben. Vor allem gestern natürlich, am eigentlichen Tag der Sonnenwende. Man merkt, dass ich noch ein blutiger Anfänger in den alten Ritualen bin. Aber immerhin habe ich das Fest durch euch überhaupt richtig wahrgenommen und mit meiner Freundin »reingefeiert«, wenn man so will. Außerdem haben mein Mann und ich gestern den Garten auf Vordermann gebracht. Jede Menge totes Material und Holz entfernt etc. Uff!

O: Auch mit solcher Arbeit huldigt man dem Frühlingsanfang. Außerdem: Was meinst du denn, von wem dieser Impuls ausgeht, mal wieder ordentlich auszumisten und das Alte und Abgestorbene zu entfernen? Ich möchte, dass das neue Leben Platz hat, das überall sprießt, deshalb treibe ich euch zum Frühjahrsputz an – in allen Ecken und in allen Teilbereichen des Lebens. Du hast übrigens gerade wie üblich viel mehr erreicht, als dir jetzt bewusst ist.

T: Hm. Ich weiß schon, du meinst meine übliche sonntägliche Mentoring-Session eben. Mein Gegenüber war aber auch ein harter, logisch denkender Klotz.

O: Dennoch. Du hast von deiner Warte aus keinerlei Chance, zu sehen, was ausgelöst wurde. Ich schon. Deswegen bist du unzufrieden. Ich aber bin hoch zufrieden. Es braucht nur einen Funken, um einen Heuboden in Flammen aufgehen zu lassen.

T: Ist das nicht ein etwas seltsames Bild? Ist ein Heuboden nicht etwas Gutes, was man anspart?

O: Von mir aus. Dann nimm ein krankes Stück Wald. Das Feuer verbrennt ihn zwar, aber für die Natur muss das keine große Sache sein. Es ist in den Zeitspannen, in denen meine Brüder und ich denken, überhaupt nicht von Belang. Aus der Asche kann alles wieder sprießen und von vorne beginnen. So meine ich das. Die vielen verschütteten kleinen Gedanken, die ihr bearbeitet habt, werden erst nach und nach Früchte tragen. Vor allem das mit der Selbstsabotage. Gib der Sache Zeit, deine Arbeit ist getan.

T: Ich hoffe es. Sag mal, wie stehen meine Chancen, Hel bald wieder zu sprechen?

O: Du hast Blut geleckt, was?

T: Na ja ...


O: Obwohl dein Experiment mit der Göttin der Unterwelt erfolgreich war, solltest du mehr Zeit zwischen den Gesprächen mit ihr verstreichen lassen. Auf keinen Fall kannst du einen Monat mit ihr verbringen, so wie du es mit uns tust.

T: Nein, das würde ich wohl tatsächlich nicht schaffen. Es geht vom Energielevel her einfach nicht. Ich würde mich wohl totarbeiten – im wahrsten Sinne des Wortes.

[Es gibt einen überlagernden Gedankengang, der nicht mehr weggeht.]

T: Warum erfahren manche Menschen mehr als andere? Warum wird manchen die Zukunft gesagt und den meisten nicht?

[Urplötzlich höre ich eine Frauenstimme, die nicht Ostara gehört.]

?: Because they can stomach it.

[Eine Frau erscheint vor mir. Ihr Bild baut sich langsam auf, bei den Füßen in den teuren High Heels angefangen. Sie sitzt auf irgendeinem Stuhl und trägt berückende schwarze Klamotten. Ein strenger blonder Pferdeschwanz, jedes Härchen penibel an den Kopf gegelt. Sie hat so eine Zigarettenverlängerung in der Hand, die heute kein Mensch mehr benutzt. Ostara scheint nicht begeistert.]

T: Bist du ... die Harpyie?

?: Schau mich doch mal richtig an, sehe ich aus wie sie?

T: Wer bist du? Wie heißt du?

[Sie zeigt mir einige Bilder. Von den drei slawischen Göttinnen, die in American Gods vorgestellt werden. Sie sind alle irgendwie zuständig für Tageszeiten und Sterne oder so? Sie enden alle auf »aya«, wie es bei den Namen im dortigen Kulturkreis wohl üblich ist. Sie zeigt mir den Nachthimmel und jede Menge Ferngläser.]

?: Stephen King. Weißt du, warum er besonders ist? Warum er Geschichten gezeigt bekommt mit so viel Horror und Blut?

T: Weil ich so etwas niemals schreiben könnte. Ich verweigere mich der Widerlichkeit. Komplett.

?: Siehst du, deshalb schreibt ER die blutigen Sachen. Warum bekam Nostradamus eine Standleitung in die Zukunft?

T: Na?

?: Weil er intelligent war. Schlau genug, am Leben zu bleiben und dennoch die Arbeit zu machen. Und warum bekommst du die Rituale neu erklärt?


O: Lass das Mädchen in Ruhe.

T: Na?

?: Weil du wieder auftauchst! Nach Schlangen und Drachen und Frauen mit Flügeln und Osterhasen und Männern mit Hirschgeweih tauchst du weiter auf. Du bist stur. Das ist eine gute Eigenschaft. [Sie hat einen russischen Akzent, fällt mir auf.] Du kommst. Du schreibst. Du gehst. Du lebst dein restliches Leben. Anders geht es nicht. Du hast die letzten Monate viel darüber nachgedacht, dass Mönche sich in Höhlen setzen und keine Kinder haben. Sie nennen das Konzentration. Sie glauben, sie müssen so leben, um uns zu gefallen und die Arbeit zu machen. Die Arbeit wird darum aber nicht schneller. Warum? Weil ihnen die Impulse fehlen! Sie schauen kein American Gods, sie hören nicht die Musik, die wir ihnen anschwemmen. Dabei haben wir gesagt, ihr könnt ALLES haben. Alles gleichzeitig. Aber sehr schlecht kannst du gleichzeitig deine Ruhe haben und den Zufall als täglichen Gast.

T: Das ist faszinierend, ich danke dir. Ich habe dich erkannt, ich werde deinen Namen nachschlagen, in Ordnung? Bist du eine Teilmenge von Hel oder einer anderen Gottheit? Ach entschuldige, das war wohl eine dumme Frage.

?: Ja. Dumme Frage. Jeder ist Teilmenge von jedem Gott. Geh jetzt, es ist spät. Aber ich komme wieder. Deine Einladung galt auch mir, und ich war bis jetzt still. Jetzt ist Ostara vorbei, jetzt beginnt meine Zeit.

T: Dann danke ich euch beiden, dass ihr hier wart. Es war mir eine Freude, mit der Frühlingsgöttin zu sprechen. Heute und davor, und ich begrüße sie gerne wieder in meinen Gedanken – genau so wie Cernunnos und die anderen.

?: [guckt mich etwas böse an] Du lernst, das kann man nicht anders sagen.

T: Und ich freue mich, auch von dir zu lernen. Ich bringe deinen Namen morgen mit, Göttin der Mitternacht.

?: Gut. Guter Vertrag.**

O: Gute Nacht, meine Liebe. Es ist wirklich spät. Wir werden schon noch Gelegenheit haben, zu sprechen. Meine Saison hat gerade erst begonnen, sorge dich nicht.

T: Gute Nacht.

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** Tatsächlich wird das Wort "Vertrag" ab hier immer mehr in meiner Arbeit vorkommen, aber sie ist eine der ersten, die explizit und von sich aus davon sprach. Da mein Vertrag mit Cernunnos bis Ostern definiert war, hatte sie das Recht, am Tag nach der Sonnenwende ihren Fuß in meine Tür zu setzen. Da sieht man mal, was für interessante Regeln in der Anderswelt gelten!

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