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Ortsgebundene Götter

21. Oktober 2021



T: Ich grüße dich, verehrte Utøya, Beschützerin der gleichnamigen Insel. Du möchtest von deinem Recht auf Gehör Gebrauch machen, hast du gesagt. Also, ich höre zu. Was möchtest du heute loswerden?

U: Als Bewacherin meiner Insel sorge ich dort für eine gewisse Grundschwingung. Ein Feeling, wie ihr heute sagen würdet. Selbst in Norwegen ist es schwer, einen Ort zu finden, der Utøya exakt gleicht. Ich halte die Frequenz dort einladend, aber dennoch etwas rau, was Norweger nicht weiter stört. Ich arbeite mit dem Waldgott und vielen anderen an dieser feinen Balance. Wenn du dich als Mensch spontan in einen Ort verliebst, dann ist das ein Beweis, dass du und der Geist des Ortes besonders gut harmonieren. Es entsteht vielschichtige Musik, wenn die richtigen Schwingungen sich treffen. Auch große Kunst kann dann entstehen, und wir ortsgebundenen Götter sind berechtigterweise stolz, wenn das geschieht.

Kannst du dir vorstellen, über wie viele zehntausend Jahre wir einen Ort pflegen, damit er sich perfekt in die Harmonie des Großen Ganzen einfügt, und doch seine Persönlichkeit behält? Das ist das, was Breivik mir genommen hat. Er hat nicht nur den Ort für immer befleckt, sondern in der Verlängerung auch mich und mein uraltes Wirken dort. Es wird Tausende von Jahren dauern, bis der gigantische Schand- und Blutfleck gänzlich von meiner Insel gewischt werden kann. Wenn das für dich wie eine Beschwerde klingt, dann ist es nur Recht so, denn ich beschwere mich. Als niedere Göttin habe ich nicht viel Einfluss. Die meisten haben mich lange vergessen.

Die Sami erzählen aber noch von mir, beziehungsweise von meinen Entsprechungen und Energien. Wie du gelesen hast, sind und bleiben sie extrem naturverbunden. Ein Volk mit funktionierendem Schamanismuswesen. Aber sie werden weniger, und mit ihnen schwindet meine letzte Chance auf das, was alle Geister sich am sehnlichsten wünschen... Anerkennung. Die reine Anerkennung, dass wir da sind und dass wir Wirken – auch in eurem Sinne, wenn ihr uns lasst.


T: Was genau ist eine ortsgebundene Göttin – und ist Cernunnos z.B. auch ortsgebunden?

U: Ja und nein. Er ist gebunden an die Erde, aber das ist damit nicht gemeint. Ich bin ortsgebunden, weil ich meine Insel nicht lange verlassen kann. Ich würde den Charakter der Insel mit mir fortnehmen und sie wäre nicht mehr die gleiche. Also, nein, Cernunnos ist nicht wirklich gebunden. Du findest ihn im Regenwald des Kongos ebenso wie im letzten Baum vor der Grenze zum ewigen Eis. Ich jedoch habe viel weniger Spielraum. Natürlich kann ich meine Fühler ausstrecken. Ich habe ja keinen Körper. Aber meine Konzentration gänzlich von Utøya abwenden? Das ist mir unmöglich, das sagt schon mein Name.

T: Hast du einen Wohnort auf der Insel? So viele Ahnen sagten schon immer, dass man aufpassen muss, wo die Feen und Trolle und Baumgeister und Götter wohnen. Dass man ihre Stätte nicht stören darf. Ist das zu kurz gedacht, oder doch ein sehr guter Ratschlag?

U: Ich sage es mal mit den Worten meines Vetters, dem ich unterstellt bin: »Betrittst du Utøya, so betrittst du mich.«

T: Ja, sehr gut. Ich erinnere mich gern an seinen Satz von damals. »Betrittst du den Wald, so betrittst du mich.« Der Satz ist nun tief in mir verankert, und ich hoffe, ihn vollkommen zu verstehen.

U: Dennoch habe ich Lieblingsorte. Knotenpunkte, wenn du so willst. Genau so, wie ihr ein Sonnengeflecht hinter dem Herzen habt, das alles verbindet, haben auch die Landschaften sehr wichtige Punkte und Adern. Es ist nur natürlich, dass sich an diesen Punkten wichtige Dinge ansammeln. Es ist ein Naturgesetz. So wie ein Baum nicht auf einer störenden Wasserader wächst, wächst sein Nachbar auf dem »sweet spot« im Energieraster besonders gut, hoch und formschön. Eines führt ganz natürlich zum anderen. Ihr kennt die Leylinien. Diese sind das große, weltumspannende Gitter. Aber natürlich verzweigt sich dieses Gitter bis ins Kleinste. Bis in den letzten Winkel der Welt. Denn so wie Blut in eurem Körper überall hin gelangen muss, so muss auch die Energie Gaias jede letzte Ecke erreichen können.

T: Die Leylinien sind die Hauptschlagadern Gaias! So habe ich das noch nie gesehen. Aber es macht absolut Sinn.

U: Du wärst überrascht, wie viel von der Ortsenergie abhängt in eurem Alltag. Wo ihr baut, was und wie – und vor allem, wie ihr früher mit den Orten umgegangen seid – all das wird in höchstem Maße von den Leylinien der Welt beeinflusst. Denk zurück an den Fisch im Wasser, der nicht außerhalb seines Gefäßes denken KANN. Er weiß nicht, was Wasser ist, weil er nicht erleben kann, was Nicht-Wasser ist. So verhält es sich immer auch mit euch. Würden wir Götter morgen die Leylinien stillegen, hätte nicht nur Gaia größte Probleme, sondern auch ihr. Ihr navigiert anhand der Linien, ob ihr es merkt oder nicht. Ihr habt ein angeborenes Gefühl für Orte, die euch guttun, und solche, die diesen Service einfach nicht leisten können. Nimm eine Wüste als Beispiel. Ihre Energien sind sehr speziell. Die meisten kommen nur kurz damit klar. Aber durch Anpassung oder durch angeborene Voraussetzungen [Kryon würde dazu sagen, »durch Karma«] könnt ihr dafür sorgen, dass ihr euch in der Wüste pudelwohl fühlt. Du kannst seelisch von einem Wüstenplaneten stammen, oder dein ganz eigenes Energiemuster ist eben perfekt auf die Wüste ausgerichtet. So ist jeder ein schillernder, vollständiger, faszinierender »Magnet«, der sein Gegenstück sucht – örtlich, zeitlich, sozial und so weiter. Breivik hat euch das genommen – und mir auch. Der Attentäter hat so viel von dem empfindlichen Geflecht zerrissen, dass es nun sogar möglich ist, dass die gesamte Insel versinkt.


T: Utøya könnte versinken?

U: Das tun Inseln, wenn ihre Energie am Ende ist.

T: Aber ... das heißt ja für dich ..

U: Dass ich mit untergehen würde. Ganz genau. Natürlich sterbe ich nicht, das kann ich ja nicht. Ich würde wohl eine neue Aufgabe suchen und finden. Aber die Tatsachen bleiben gleich. EIN Mensch hat es unter Umständen geschafft, meine Existenz und meinen Ort gänzlich zu zerstören. Das wirkt sich aus auf die Nachbarinseln, das übrige Land, den Kontinent, Gaia und das Sonnensystem. Und deshalb bleibt es jederzeit schmerzhaft wahr, dass ein Mensch den ganzen Kosmos verändern kann. Zum Besseren .... oder zum Schlechteren.

T: Ein Mensch kann den ganzen Kosmos ...

U: Verändern. Er ist nachher nicht mehr exakt der gleiche. Hüte dich, wenn Menschen dir einreden wollen, dass dein kleines Leben sinnlos ist und du im Gefüge des Großen Ganzen untergehst. Das ist nicht wahr!

T: Kann auch ich ... solche einen Unterschied machen?


U: Ich hoffe, du meinst damit nicht, dass du eine Waffe erwerben möchtest?

T: Natürlich nicht! Ich meine ... kann ich einen positiven Einfluss auf das Universum haben?

U: Das hast du doch bereits! Jede Frau verändert den Kosmos mindestens in dem Moment, wo sie ein Kind gebärt. Zusätzlich natürlich zu dem Moment, wo sie selbst die Bühne des Lebens betritt, und zu dem Moment, wo sie sich all dieser Dinge bewusst wird (häufig am Ende der fruchtbaren Phase bei euch Westlerinnen). Das ist das, was die Männer so an euch fürchten.

Selbstverständlich verändern Männer auch einiges, ganz klar. Sie betreten ja auch den körperlichen Kosmos. Sie zeugen die Nachkommenschaft. Sie haben einen großen Einfluss auf das emotionale Kleid der nächsten Generation. Das ist alles gleich bei euch. Aber diesen einen letzten Trick ... den beherrschen sie nicht. Leben hervorbringen aus dem »Nichts«.

In jeder Minute ihrer Existenz fürchten (unerleuchtete) Männer den Moment, an dem ihr Frauen euch eurer Heiligkeit bewusst werdet. Aber das ist ein anderes Thema. Wir sollten weiter über Orte sprechen. Für dich ist nur wichtig: Du hältst deine Fäden bereits in der Hand. Du nähst mit am Wandteppich der Welt. Du hältst die Decke des Kosmos, oder sagen wir, deinen Teil davon. Viele andere verweigern sich dieser Aufgabe weiterhin, und einige zerstören am anderen Ende, was viele Generationen weben. Deshalb ist ein Mann wie Breivik nie nur das Problem eines Ortes oder einer Gesellschaft. Er ist ein Problem auf allerhöchstem Level, und jeder Mensch auf der Welt sollte hart mit sich ins Gericht gehen, ob er dazu beigetragen hat, diesen Mann zu dem werden zu lassen, was er geworden ist – ein Lebensfeind.


T: Utøya, ich danke dir. Ich freue mich schon sehr auf die nächsten Tage. Vielleicht schaffen wir ja auch einen großen Bogen zu Schamanismus und den helfenden Tieren wie den Wölfen. Das würde mich sehr freuen. Ich höre dir gerne zu, und ich möchte dir versprechen, dass ich nach Kräften versuchen werde, mich nicht gegenüber einem Ort zu versündigen. Bis morgen.

U: Wir werden sehen, zu welchen Themen wir kommen. Die Fenster der Möglichkeiten werden sich schon auftun für unser Gespräch. Bis morgen.

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