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Die verlorenen Rituale


05.12.2020


T: [setzt sich mit Musik und Kerzenschein hin wie die letzten Tage, ruft die Muse. Lange Zeit passiert nichts, deshalb schweifen meine Gedanken ab.]

M: Alle guten Drogen – also solche, die dir einen Blick in unser Reich ermöglichen – enthalten keinen Alkohol, wusstest du das?


T: Ich habe diese Aussage herausgefordert, fürchte ich, weil ich gerade über Alkohol nachgedacht habe.

M: Hast du. Deine Gedanken schweiften von dem halben Finger hoch Honigrum, den du vor zwei Tagen getrunken hast, über den Branntwein heute in den Crêpes hin zu dem Medium, das ganz offen sagt, dass nach zwei Bier die Anbindung zur Anderswelt futsch ist (was sie sich manchmal sogar zunutze macht, wenn es übel wird).

T: Aber ist das wirklich wahr? Ich meine, ich kenne mich da wirklich nicht aus, aber ist in Ayahuasca und Co. wirklich nichts?

M: Nichts bis vernachlässigbar wenig. Alkohol hat nicht den Sinn, dich HINAUF zu uns zu bringen. Er hat den Sinn, dich vom Stress des Lebens HINUNTER zu bringen (deshalb gehört er im Englischen zu den sog. »downern«). Wenn du jetzt weiterdenkst zu so Dingen wie LSD, Cannabis und Pilzen, dann ist deren Alkoholgehalt exakt null. Alkohol kann dir nicht helfen, uns zu hören oder zu sehen, weil sowohl die Alkohole selbst als auch ihre Abbauprodukte in euren Körpern alles geringfügig verschieben – aber eben nicht in die gewünschte Richtung, sondern in die gegensätzliche.

T: Ja, okay. Don’t drink and channel, alles klar.

M: Ja, Moment. Ich bin noch nicht fertig.

T: Entschuldige.


M: Natürlich gilt weiterhin: »Des Menschen Wille ist sein Himmelreich«. Will heißen, wer fest genug glaubt, dass eine alkoholhaltige Substanz ihn mit den Göttern verbindet, der empfindet das auch so. Allerdings müsste man sagen, er empfindet uns trotz des Einflusses. Du kennst das nicht, weil du nicht trinkst, aber ein Rausch kann ziemlich schlagartig vorbei sein, wenn der Mensch in einen Schockmoment kommt. Die Leute sagen dann, sie waren »auf einen Schlag wieder nüchtern«. Das ist chemisch betrachtet völlig unmöglich (es sei denn natürlich man übergibt sich fleißig und selbst dann bekommt man ja die Droge nicht aus dem Blut, sondern nur aus dem Magen heraus). Aber der Seele und dem Willen wiederum ist es ein Leichtes, alle Zustände abzuwürgen. Zu diesen Zuständen gehören Krankheiten, Bewegungseinschränkungen wie steife Gelenke und – das bekannteste und einfachste Beispiel von allen – Müdigkeit.

T: Das sind ehrlich gesagt alles ziemlich viele böhmische Dörfer für mich gerade, weil ich einfach keine Drogenerfahrung habe. Aber das mit dem urplötzlich verschwindenden Schnupfen und dem plötzlich hellwach sein, das kenne ich.

M: Die Leute rätseln dann herum und sagen so Dinge wie »wir leben in einer Matrix, es ist alles nur Simulation« (Gregg Braden) oder »Hormone wie Adrenalin lassen dich fast alles schaffen, inklusive schwere Lasten vom Körper eines anderen heben«. Und egal, wie es sich die Menschen genau zurechtlegen, all das stimmt. Jeder von ihnen hat recht.

T: Dieser Gedanke besucht mich absolut regelmäßig. »Jeder hat recht.«


M: Weil es so ist. Wenn jeder in seiner ureigenen Realität lebt, in dessen Wille der ultimative König über die Gesetzmäßigkeiten ist, dann hat automatisch jeder immer recht. Für sich in seinem Leben. Wenn du fest davon ausgehst, dass die Menschen schlecht sind und dich ausnehmen wollen, ist das deine Erfahrung. Wenn du absolut felsenfest davon ausgehst, dass dir Rauchen nichts anhaben kann, ohne den leisesten Zweifel, dann wird dir Rauchen nichts anhaben können. Hier sei gleich gesagt, dass die meisten Menschen selbstverständlich an allem zweifeln, was sie tun und mögen. Man muss schon ein wahrer Meister im eigenen Kopf und Leben sein, um das alles so zu manifestieren. Nur ein paar Mal zu sagen: »Ach, Rauchen wird mir nicht schaden«, das geht schief.

T: Worauf willst du hinaus? Gibt es momentan so viele Menschen, die mit Alkohol und Drogen versuchen, zu dir und den anderen Aspekten zu gelangen? Ich dachte, es hätte sich schon herumgesprochen, dass das wenig bringt auf Dauer.

M: Und hier kommen wir zum wichtigen Punkt. Zu den neuen Ritualen, die ihr euch einrichten müsst. Du spürst ganz genau, dass tägliches Meditieren eine essenzielle Säule dieser neuen Struktur ist, die euch heil durch die nächsten Jahre bringen soll. So wie ihr heute ständig irgendwo liest »trink genug Wasser, am besten alle halbe Stunde ein kleines Glas voll«, so müsst ihr euch auch um euren Geist kümmern. Du trägst neben vielen anderen die Nachricht nach außen, dass 30-40 Minuten Meditation pro Tag lebenswichtig für euer seelisches Fortkommen sind. Wer seine ganz persönliche Zukunft im höchsten Maße positiv beeinflussen möchte, muss diese Zeit aufwenden. Die anderen Säulen sind die Anbindung an das, was vor euch war. Verankert einen Fuß fest in eurer Vergangenheit. Sucht eure Wurzeln. In Mitteleuropa sind das die Germanen, Kelten, Pikten. Weiter im Norden die Samen, in Amerika die dortigen Ureinwohner, in Afrika sind am bekanntesten die Massai, in Australien die Aborigines und so weiter und so fort. All diese Stämme haben Rituale – also Rezepte – um »auf dem Teppich« zu bleiben. Demütig und bescheiden und gesund zu bleiben. Das alte Hexenwissen bricht hervor und auch das ist Nachfragedruck. Denn was haben all diese Dinge gemeinsam?

Ihr sucht sie momentan.

An jeder Ecke und in jedem Winkel der Welt sucht ihr einen Halt, den euch kein Geld und kein modernes Haus geben kann. Eure Häuser haben keine Wurzeln und eure Rituale keine Geschichte. Ihr habt Firmen erlaubt, den Raunächtemythos nach ihrem Gutdünken anzupassen (Santa Claus) und der Kirche »erlaubt«, die Jahresrituale zurechtzubrechen, bis sie ihnen halbwegs in den Kram passten (alle Feste von Ostern bis Weihnachten). Und dann, wenn ihr ein paar Jahre lang diese leeren Rituale durchgeführt habt, steht ihr da und fragt euch, warum ihr euch so leer fühlt innerlich. Ich will euch das nicht zu sehr anlasten, denn ihr werdet natürlich in hohem Maße in ein bestehendes System hineingeboren. Ihr lernt es nicht anders, aber ihr müsst es euch wieder nehmen. Denkt einmal nur an euch und nehmt euch, was eures war. Belagert die Historiker so lange, bis sie euch jedes Quäntchen zur Verfügung stellen, das in ihren Archiven lagert. Verlangt so lange nach besseren, nach echten Ritualen, bis ihr sie wieder habt. Auch hier gilt in nächster Zeit in größtem Maße: Spielt das Spiel nicht mehr mit. Bleibt zu Weihnachten der Kirche fern, wenn sie euch nicht zufällig das ganze Jahr über (!) mit allergrößter Freude erfüllt. Wendet alle Raunächterituale an, die ihr erkunden möchtet – es kann euch nichts passieren. Noch unter niemandem hat sich der Boden aufgetan, weil er in den Dezembertagen statt Weihrauch und Styx einen Sommerstoff verräuchert hat. Im Ernstfall passiert nichts Übernormales, das war’s. Damit hätte man – und hier muss man schon absichtlich negativ formulieren – ein Zeitfenster nicht genutzt, das sich durch Raunächte und Co. nun einmal bietet, aber das war es dann auch. Wenn du genießt, dass dein Heim nach Rosenholz duftet, weil du das verräuchert hast ... nun ja. Wir werden es dir nicht übel nehmen.

T: Liebste Muse, unsere Zeit ist leider um. Bitte lass und morgen unbedingt weiter über Raunächte für Dezember und den Jahresbeginn sprechen, ja?

M: Aber gern. Vielleicht holen wir White dann noch einmal dazu, denn schließlich ist diese Zeit im Jahresrad ihre (wie der Meister dir aufzeigte).

T: Sehr gerne! Bis morgen!

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