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Die Sarkophage der Götter

27. April 2023


T: Heute war es also so weit. Mein letzter Arbeitstag in der Werbeagentur. Es war schön, abgef*ckt, lächerlich, traurig und aufbauend. Und zwar gleichzeitig. Und dann danach noch Yin Yoga. Gott, ich liebe es!!! Leider war es vielleicht mein letztes Mal für längere Zeit, denn ich habe ja jetzt auch keine Firmenfitness mehr, narf! Anubis hat im Auto etwas sehr Süßes gesagt: »Nun hast du ein weiteres kleines Mosaiksteinchen in das wunderschöne Gesamtbild deiner Existenz eingefügt.« Und ich sagte: »Solange ihr Götter mir nicht kündigt, ist alles geritzt!« Da hat er laut gelacht, was ja nicht so oft passiert bei euch. Doch genug von meiner kleinen Zusammenfassung des Tages. Hathor, die Bühne gehört dir. Bitte erzähl.

H: Wusstest du, dass wir die Pyramiden konstruierten, weil wir eigentlich vorhatten, für immer zu bleiben?


T: Au weia. Also, das wäre natürlich wunderschön gewesen, ganz klar. Aber somit sind sie vor allem ein Monument unserer größten Verfehlungen.

H: Wir dachten, diese Zivilisation wäre vielleicht so weit, uns unter sich zu akzeptieren. Dauerhaft. Und am Anfang sah es ja auch sehr gut aus. Leute wie du haben uns ihr Heim und Herz geöffnet, das stimmte uns hoffnungsfroh. Aber dann wuchs über die Generationen hinweg der Neid. Die Pharaonen sahen, wie sie alterten und darbten, und wir immer gleichermaßen strahlten und niemals alterten. Die Geschichte von dem Gott, der für euch Menschen den Tod suchte und ihn auch fand [Anubis], geriet in Vergessenheit. Und so stachelten einige wenige die große, uns wohlgesonnene Masse gegen uns auf. Langsam natürlich. Stück für Stück.

[Sie ist sehr traurig, und ihre Traurigkeit überträgt sich direkt auf mich.]


H: Es ist wahr, dass wir vielleicht vorsichtiger hätten sein sollen, was wir euch zeigen und erzählen. Aber wir wollten euch nicht auf Armeslänge halten. RA sagte, das würde die Mission verwässern, und wir stimmten ihm zu. Also standen wir daneben und konnten nur immer wieder bekräftigen, wer wir waren und was wir wollten. Seit Generationen hatte niemand unser Schiff mehr fliegen sehen, und nicht wenige bezweifelten, dass es überhaupt noch fliegen konnte. In den Pyramiden, die wir sehr präzise als Werkzeuge gefertigt hatten (wie ihr mittlerweile wisst), waren die Sarkophage, die unseren Fast-Körpern mit der damaligen Erdfrequenz halfen – und auch euch in ganz bestimmten Situationen. Sie waren zusammen mit unseren technischen Gadgets das einzige, was wir in Nacht-und-Nebel-Aktionen wieder an uns brachten und in den Bauch des Schiffes verfrachteten. Was du heute siehst, sind krude Versuche, unsere Technik zu imitieren. Keiner der Sarkophage der Pharaonen hat jemals die erhofften Dienste geleistet. Zumal die meisten ja sogar erst als Sarg zum Einsatz kamen!


Ein Sarkophag ist von Natur aus eigentlich das Gegenteil eines Sarges! Er will nähren und erhalten und keine steinerne Tupperdose für Tote sein!

T: Was für ein Vergleich, hehe.

H: Schadenfreude liegt uns fern, aber es ist doch sehr seltsam, zu sehen, wie ein Konzept im Laufe eurer Geschichte zu etwas völlig anderem verbogen wird, weil das Wissen darum vollständig verloren geht. Osiris [der oberste Missionsleiter, der daheim verblieben war] warnte uns. Immer wieder. Er sah als Einziger klar vorher, wo das alles enden würde. Vielleicht war das von außen einfacher, denn er war uns ja immer nur zugeschaltet von außen.

[Sie wird wieder traurig, und ich fange wieder an zu weinen.]

H: Die Intelligenteren unter euch beknieten uns, nicht abzureisen. Die PriesterInnen und Nachkommen unserer Schulen. Sie hatten Angst, getötet zu werden für ihren Glauben, der nun als alt, überholt und ketzerisch hingestellt wurde. Und wir gaben ihnen die einzigen Hinweise, die wir noch geben konnten. Dass sie widerrufen sollten, egal wie sehr es sie schmerzte. Dass sie keinesfalls für das Andenken an uns ihr Leben aufs Spiel setzen sollten, sondern lieber im Geheimen weiterlernen sollten. Daher kommt die Geheimlehre ... die Esoterik. Und genau deshalb hasst du das Wort so bitterlich.

T: DAS ist es!!! DA ist endlich der Grund, warum mir alles am Konzept der Geheimlehre so zuwider ist. WEIL ES NICHT GEHEIM SEIN SOLLTE!!!


H: Die Geheimlehre ist nie geheim, weil die Gläubigen sie nicht erfassen können oder wollen. Die können sie einfach getrost ignorieren. Die Geheimlehre ist immer deshalb geheim, damit die Machthaber eines Landes keinen Zugriff darauf haben.

T: Oh Mann, wie schrecklich. Dennoch: Danke für alles. Danke für die heutige Session und eure Begleitung schon in der Yogastunde etc.

H: Vergiss nicht dein Versprechen von vorhin. Schreib es lieber mit auf.

T: Du hast völlig recht. In der Schlussentspannung ging es um Frühling und Neuanfang, und ich gab folgendem Gedanken all meine Kraft: Ich bin die Scribe der Ennead. Ich will einen Neuanfang und will den Saal füllen, der auf der Tarot-Karte mit dem Thema "Zukunft" war. Zeigt mir den Tempel ohne Priesterin, den Raum voller Ohren, die hören wollen, und ich werde furchtlos dort meinen Platz einnehmen.

H: Und wir haben dich gehört, dessen darfst du dir ganz sicher sein. Nun aber gute Nacht, geh in deinen Abend, es ist spät.

T: Danke dir. Danke, danke, danke. Bis morgen.

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