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Die "Tore" zur Hölle



T: Du hast einige hochinteressante Auswirkungen auf mein Leben, mein Lieber.

HG: [Unschuldig grinsend] Ja?

T: Oh ja. Zum Beispiel habe ich heute so viel im Drachenkind geschrieben wie ewig nicht mehr. Jeder Satz ging mir leicht von der Hand. Bitte bleib mindestens bis Weihnachten, damit das so weitergeht!

HG: [kichert] Na wenn’s nur das ist ...

T: Natürlich möchte ich auch deine Themen hören, ganz klar. Außerdem ist mir aufgefallen, dass es in all den Szenen, die ich vollenden konnte, auf die eine oder andere Art um Trauer ging. In so einem Romanzyklus sterben natürlich ab und an Leute, und insgesamt ist die Reihe ja eher ... zum Heulen. Für mich zumindest. Aber es macht trotzdem Spaß und Sinn!

HG: Deswegen bist du auch perfekt geeignet als Schülerin für mich. Erstens kennen wir uns schon seit deiner Jugend-

T: Ha! Ich wusste es!

HG: -und außerdem macht es mir viel Freude, dir einen Schub in diese Richtung zu geben. Meinst du, ich habe kein Interesse an der Fertigstellung deines Buches, wo es doch so konsequent um Emotionen und ums Trauern geht?


T: Oha, so hab ich das noch nicht gesehen. Okay, bitte erzähl weiter, wo wir gestern aufhören mussten. Und: Danke. Wirklich, ich danke dir so sehr für diese Szenen. Sie sind der Wahnsinn.

HG: Nein, sie sind traurig. Das war der Sinn der Sache. Es fällt mir leicht, hier beizutragen, denn kein Thema habe ich so vollständig durchdrungen. Bitte mich nur nicht, eine Hochzeit mit dir zu verfassen, ja?

T: Hihi, ich werd’s versuchen. Also? »Niedere Energien«?

[Einen Moment geschieht nichts. Also mache ich den »Rappel des oiseaux«, den Ruf der Vögel an. Die Version von Wilhelm Kempff. Ich schwöre es, der Mann schafft es, dass man bei dem vogelgesanggleichen Klavierstück weinen muss, weil es so traurig klingt. ]

HG: Das ist wunderschön, danke. Der Mann hat seine Kunst und sein Handwerk wahrlich verstanden. Nur wenige Menschen schaffen es, den Unterschied zwischen mir und dem Rest des Pantheons so gut einzufangen. Ich bin diese Version, die anderen haben ihre Entsprechungen. Und meine gefällt dir am besten, weil wir eine lange und tiefe Verbindung miteinander haben. Es ist nicht wahr, dass ich schwierig zu erreichen bin. Es haben nur viele Angst vor mir.

Künstler allerdings wagen sich fast immer zu mir hinab ... die guten jedenfalls. Denn nur wenn sie einfangen können, was ich sie lehre; nur wenn sie die Trauer und die Schwärze perfekt einfangen und auf ihre Weise beschreiben können, werden sie weltbekannt. Es ist zwar wahr, dass man sich ohne ein einziges trauriges Werk »Musiker« nennen darf, aber zu welchem Preis? Leben heißt Leiden, also müssen wir auch vom Leid berichten. Alles andere wäre sinnlos, meinst du nicht? Die hohen Himmel loben, das macht ihr schon ohne Körper unablässig, und selbstverständlich sollte es genau so sein. Deshalb habe ich eine einzigartige Verbindung zu allem Lebendigen. Diese hat jedoch nichts mit Neid zu tun. Egal, was dir andere erzählen wollen, ich bin nicht neidisch auf all das Leid, das ich sehe. Wer wäre das schon? Ich wünsche euch außerdem alles Glück der Erde. Warum auch nicht? Man kann mich nicht schmälern – ganz besonders dann nicht, wenn nicht genug Personen unter meinen Fittichen sind.

T: Also nicht genug Seelen in der Hölle.


HG: Richtig. Wie sollte das auch funktionieren? Wie wir wissen, gibt es das Konzept der Hölle so nicht. Was ich allerdings zugeben werde, ist eine gewisse räumliche Trennung vom paradiesischen Teil des Jenseits. Wenn man im Kontext der weißen Matrix von »räumlicher Trennung« sprechen kann.

T: Also gibt es einen Nicht-ganz-so-himmlischen Teil des Jenseits.

HG: Es gibt alles und jedes im »Jenseits«, weil dieses die geistige Welt meist in ihrer Gesamtheit beschreibt. Ihr seid da ziemlich generalistisch.

T: Wie kommt man also von dem Bereich, in dem man sich selbst mit Erinnerungen gequält hat, ins Licht?

HG: Stell es dir vor wie Wurmlöcher. Die Analogie ist jedenfalls besser als die der Türe, denn Türen bedeuten Wände. Das Wurmloch in deinen persönlich eingerichteten Teil der »Hölle« bleibt sogar dauerhaft geöffnet. Es schließt sich nie. Denn würde es das tun, könnte das Licht nicht mehr sehen, wie nah ihr an der Erkenntnis seid, dass ihr jederzeit gehen könnt. Und das Licht könnte nicht mehr mit diesen Seelen arbeiten. Oder sagen wir, es wäre schwieriger.

Eine meiner wichtigsten Lektionen lautet: Erlaubt euch die Trauer. Schafft ihr einen angemessenen Platz in eurem Leben. Denn wenn du aus dem Gefäß der Trauer nie Energie ablassen kannst – weil deine Eltern diesen Kanal verschlossen oder zerstört haben, weil du dir selbst die Trauer verbietest und so weiter – dann werden die Schleusentore der niedrigen Energie nach deinem Tode geöffnet. So betrittst du zielsicher mein Reich. Ich kann dafür gar nichts. Es ist ein Energiegesetz: Was sich aufstaut, das muss irgendwann Balance finden dürfen.


T: Das bedeutet, sie müssen nach ihrem Tode durch alles auf einmal durch, wenn die Dämme brechen.

HG: Ja. Die meisten Seelen landen nur deshalb im Gegenreich. Weil sie etwas nachzuholen haben. Du kannst zwar das Licht bitten, dir zur Seite zu stehen, und diese Bitte wird meistens auch ausgesprochen, aber du kannst der Lektion in der Trauer nicht gänzlich entkommen. Das wäre ja auch unfair, oder? In Extremfällen kann die Lektion verschoben werden in ein nächstes Leben, aber glaub mir ... ein solches Leben möchtest du nicht ansehen, und ganz sicher nicht haben.

T: Ich danke dir. An diese Erklärungen werde ich noch lange denken.

HG: Je mehr Menschen die Vorgänge kennen und verstehen, desto besser.

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