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Ostara erscheint



28. Februar 2021


T: [versetzt sich mit geschlossenen Augen in den Wald an die übliche Stelle, an der Cernunnos sonst auf mich wartet. Dort ist niemand. Nur ein Kaninchen sitzt auf dem breiten Weg neben seinem üblichen Sitzplatz. Ich bin ja schon viel gewöhnt, deshalb folge ich dem Tier. Ich zwänge mich hinter ihm durch Büsche hindurch und robbe durchs Gebälk. Ab und zu wartet das Kaninchen, nur um dann wieder weiterzuhoppeln. Ich muss an Alice denken, die dem Kaninchen in die Anderswelt folgt. Als sich die dichten Büsche endlich lichten und ich aufstehen kann, stehe ich in einem Haus mit antik aussehender, verwaschen grüner Tapete. Ein runder Tisch steht im Raum, daran sitzt eine Frühlingsgöttin mit Blütenkopfputz. Der Name Ostara drängt sich mir sofort auf.]


T: Wo ist Cernunnos?

O: Hallo, Schätzchen. Mein Bruder ist nicht da. Er hat mir diesen Tag abgetreten, und ich will ihn dankend annehmen.

T: Bitte lass mich die Augen öffnen und mitschreiben. Ich gehe nicht weg, ich verspreche es.

[Die Göttin misstraut mir, sagt aber schließlich ja.]

O: Tee?

T: Äh ... ja gern. Ich habe eben zum ersten Mal seit langem eine Räuchermischung aufgelegt, die »die große Göttin« heißt. Auf dem Glasfläschchen sind zwei große Os ineinander verzahnt, Blüten ranken rundherum. Das ist doch kein Zufall.

O: Wie auch, es gibt ja keinen.

T: Wohl wahr.

O: Also, um deine Frage zu beantworten: Ja, ich habe dir diesen Impuls gesendet. Einiges Räucherwerk macht es eben leichter, in mein Zimmer zu gelangen, als anderes.

T: Nur bei diesem Fläschchen habe ich immer das Gefühl, es schütteln zu müssen. Keine Ahnung, warum.

[Es klingelt. Da ich allein zu Hause bin, muss ich hingehen.]


T: Es tut mir so leid. Normalerweise unterbreche ich meine Sessions nicht. Bitte vergib mir.

O: Sie müssen aufwachen.

T: Bitte?

O: Die Kräuter in dem Glas. Bevor du sie verräuchern kannst und sie »ihre Arbeit« tun können, musst du sie aufwecken. Im Glas schlafen sie. Deshalb sende ich den Impuls aus, das Gläschen zu schütteln. Es ist nicht so wichtig, aber es zeugt von Respekt gegenüber den wertvollen Stoffen.

T: Oh. Danke, das macht tatsächlich Sinn. Aber sag mal ... warum dieser Raum? Solltest du als germanische Frühlingsgöttin nicht ... na ja ... auf saftigen grünen Wiesen mit den Kaninchen spielen?

O: Es hat sich Menschen gegenüber bewährt, diesen Raum zu zeigen. Irgendwie fühlt ihr euch automatisch wohl hier drinnen. Ich persönlich kann auch kopfüber in einem Kirschbaum hängen, aber das mögt ihr als erstes Bild nicht so gerne.

T: Es tut mir sehr leid, aber ich habe Schwierigkeiten damit, die Echtheit meines Erlebnisses anzuerkennen.

O: Dann schreib mir, warum.

T: Weißt du, es gibt da diese Serie [Neil Gaimans "American Gods"] ...

O: Und die stellt die Sache mit dem Raum, dem Tee und dem Hasen dar. Ich weiß. Hast du dir mal überlegt, dass die Serie vielleicht hundert mal akkurater ist als alles, was die letzten tausend Jahre über mich verbreitet worden ist, weil andere das »Update« schon erhalten haben? Bereits wieder mit mir sprechen?

T: Jetzt bekomme ich große Lust, das alles noch einmal anzusehen.

O: Tu das, du bist nicht die Einzige. Tee?

T: Ähm, ja. Danke.

[Die feine englische Porzellantasse ist bis zum Rand gefüllt mit goldgelbem Tee. Ich kann leider nicht riechen, aber ich trinke ihn und er geht runter wie flüssiges Licht. Kleine goldene Partikel schwimmen in dem Tee. Ihn zu trinken fühlt sich sehr gut an. Heilend. Aber er hinterlässt auch eine Schärfe im Mund.]


T: Ingwer?

O: Sehr gut! Nicht viele stellen den Zusammenhang gleich her. Der Gedanke an den Tee wird dich zu mir zurück transportieren, wenn du mich sprechen möchtest. Und wenn ich dich sprechen möchte, werde ich dieses scharfe Gefühl in deinen Hals senden.

T: So wie die anderen mich müde machen?

O: Exakt.

T: So viel zum freien Willen? ;)

O: Du kannst unsere Einladungen immer ausschlagen. Dann wirst du wieder wach und das Gefühl im Hals wird auch vergehen. Aber mach dir bewusst, wann und wie oft du das tust, denn wir rufen dich ja nicht zum Spaß zu uns. Wir haben viel zu besprechen!

T: Das klingt toll. Ich soll ja ein Ritual machen am 20. März, möchtest du darüber reden?

O: Auch, ja, aber nicht nur. Ich habe meinen Bruder gebeten, uns Mädels allein zu lassen, wenn es um Mädelskram geht, und er hat eingewilligt.

T: Ich dachte der Mädelskram kommt an Beltane, hehe.

O: Nein, nein. An Beltane kommt das Männliche und das Weibliche zusammen, um zu schöpfen. Aber vorher wollen wir uns doch hübsch machen, oder?

[Kaleo’s »No good« spielt. Ihr gefällt die Musik ganz offensichtlich.]

O: Bring diese Musik das nächst Mal auch mit.

T: Wann sehen wir uns denn das nächste Mal?

O: Na morgen!

T: Ähm ... morgen habe ich fürchte ich ziemlich viel zu tun, weißt du? Da geht meine Webseite online und ...

O: Morgen.

T: Okay.


O: [grinst] Fein, dann wäre das ja geklärt. Brauchst du ein Kaninchen für den Rausweg oder geht es so?

[Ein Kaninchen hüpft auf ihren Arm und lässt sich streicheln.]

T: Ach, danke. Es geht so. Ich habe die Augen ja offen, der Übergang wird nicht so schwierig. Danke dir.

[Die Göttin lässt mich herankommen und küsst mich auf die Stirn. Das Gefühl läuft durch meinen gesamten Körper. Ich habe das Gefühl, ich stehe in Flammen, aber in wärmenden, honigsüssen.]

T: Danke. Jetzt glaube ich es!

O: Das dachte ich mir schon. Dann bis morgen, mein Schatz.

[Hozier singt: »All you have is your fire. And the place you need to reach.« Wenn das mal kein gutes Omen ist... ]



Es lohnt sich übrigens, mal den Wikipedia-Artikel über Ostara oder Eostre anzuschauen. Da die Germanen und Kelten nichts oder nur sehr wenig aufgeschrieben haben, bleibt wohl Vieles Spekulation. Aber, und das ist besonders wichtig: Ostara ist alleine deshalb schon als Energiewesen real, weil wir über sie nachgrübeln - mindestens seit diesem englischen Mönch.

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