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Anubis wird zu Stein



15. Dezember 2021


Heute ist das passiert, was ich mir insgeheim seit Jahren wünsche, und dennoch war es aufwühlend und überhaupt nicht so, wie ich erwartet hatte. Ich stand heute Nachmittag mitten im Supermarkt, als ich wieder dieses Gefühl bekam. Diesen deutlichen körperlichen Hinweis, dass ich gerufen werde, weil gerade etwas sehr wichtiges anliegt. Also habe ich mich auf eine Pausenbank in dem riesigen Laden zurückgezogen, die glücklicherweise mit tonnenweise Weihnachtszeug vollgestellt war, und habe das Handy gezückt. Dies ist der Abschrieb.


T: Was ist los? Hast du mich gerufen? Stimmt was nicht?

[Ich setze Kopfhörer auf, mache meine übliche Musik an und versetze mich in unseren Raum. Das Bild ist wirr, aber irgendwann sehe ich den Herren der Gegenwelt. Er wechselt immer wieder leicht das Bild. Mal sitzt er, mal steht er. Schließlich sitzt er in unserem Sessel von gestern und ich sehe, dass er sich verändert. Er ist dabei, zu versteinern! Der marmorähnliche Stein ist schon an seinem Hals angekommen, daher fällt es ihm zunehmend schwer, zu sprechen.

T: Was passiert hier gerade? Stirbt diese Form gerade?

HG: [angestrengt] Ja. Es war ja nur eine Frage der Zeit. Sei nicht besorgt. Ich komme wieder, nur nicht genau so. Außerdem vielleicht nicht gleich heute Abend. Das wollte ich dir unbedingt sagen, bevor es zu spät ist.

[Der Stein frisst sich immer weiter seinen Hals hinauf. Es ist furchtbar, aber er scheint dennoch kein bisschen besorgt.]

HG: Glaubst du, dies ist die erste Form, die ich aufgebe? Ich musste nur deshalb JETZT mit dir sprechen, weil es bald so weit sein wird. Bitte entschuldige, dass ich deinen Alltag derart unterbrochen habe. Wir versuchen, dein Leben nicht derart einschneidend zu verändern oder zu stören.

T: Es ist okay. Ich werde für deine Rückkehr beten.

HG: Das wäre schön, das erleichtert vieles.


T: »Parting is such sweet sorrow...« [schluckt schwer]

HG: Then say goodbye until tomorrow. Es tut mir wirklich leid.

T: [versucht, zu lächeln] Mit dir hat man wirklich beide Hände voll zu tun, weißt du?

HG: Hm, dann stell dir erstmal vor, wie Menschen für uns sind.

T: [Der Stein frisst sich seine Wangen hoch. Er kann den Kopf jetzt nicht mehr rühren, eigentlich nur noch die Augen bewegen.] Gott....

HG: Nicht. Mach dir keine Sorgen. Bitte. Deine Sorgen werden den Prozess nicht leichter machen. Ich. sehe. dich. Bald.

T: Ich hab dich lieb.


Ich habe danach noch viele Worte in Gedanken ausgesandt. Gehofft und gebetet, dass alles gutgehen wird. Zuhause habe ich kaum etwas zu Abend gegessen und bin danach noch einmal fluchtartig spazieren gegangen – in vollkommener Dunkelheit, was mir sehr recht war. Ich versuche, das Ganze irgendwie einzuordnen oder zu verstehen. Natürlich kenne ich den Vorgang an sich schon, wie gesagt. Jormungandrs kleines Schlangen-Abbild ist damals Mitte 2020 zuerst vor meinen Augen vergangen. Im Anschluss sprachen die neue Form und ich über das »Kerzengleichnis«, also über das Prinzip, dass Alles-was-ist sich quasi ständig Stückchen aus dem energetischen Leib schneidet und in unsere Richtung sendet. Wesenheiten mit begrenzter Energie, die – wie Kerzen – nur eine bestimmte Lebensdauer haben und ein vordefiniertes Ende. Ich weiß das alles noch gut, aber dennoch ist nichts an dieser Situation heute wirklich gleich. Ich fühle mich eher so, als hätte ich gerade dabei zusehen müssen, wie mein bester Freund ausblutet.

Wenn ich mich jetzt gedanklich in den Raum mit dem riesigen Kamin und dem Sessel versetze, sehe ich ihn immer noch dort sitzen. Gänzlich Steinstatue. Er hat die Augen geöffnet und sogar ein winziges Lächeln auf den Lippen. Ich komme nicht umhin, mich zu fragen, ob es irgendwo in der Welt physisch vorhandene Statuen gibt, die wie mein Herr der Gegenwelt nicht immer aus Stein waren. Das Bild ist derart vorherrschend in der Kunst... wer weiß es schon ganz genau?


[Sias »The Greatest« spielt auf. Ich muss lächeln.]

T: Ich wünsche dir einen sachten Übergang, Herr der Gegenwelt Anubis. Ich weiß, wir werden uns bald schon wiedersehen, und doch ist meine Trauer bodenlos.

Ich muss daran denken, dass vorhin in meinen Kopfhörern ausgerechnet Pink lief. Als ich sicher im Auto war (und die Tränen nicht mehr aufhalten konnte) kam sogar »Wild hearts«. I fucking lost it... Und jetzt läuft »Me« von Nocturnal Rites. Fucking perfect. »When there’s nothing more, when I tried it all, come undone when the odds were close to none ... then it’s me. It’s only me

[Eine weitere Form erscheint im Raum. Ich weiß sofort, es ist Hel. Seine Mutter. Sie hat einen starken Eowyn Vibe an sich, aber ihre langen Haare sind schwarz gewellt. Sie geht zu der Statue und streicht über seine Wangen.]

Hel: [Sie bewegt den Mund nicht beim Sprechen. Ich höre sie so.] Mein Sohn. Mein wunderschöner Sohn.

[Exakt in der Sekunde, in der ich erklären will, höre ich in meinen Ohren »Beloved mother, there is no guilt in what I have done.« Das ist aus einem Song von Demons & Wizards. Oh. Mein. Gott!!]

T: Ich ... warum muss das passieren?

Hel: [schüttelt den Kopf] Das weißt du doch. So ist der Deal. Ihr braucht unsere Hilfe, und wir helfen. Gleichsam könntet ihr uns nie in ganzer Stärke ertragen, in unserer Anwesenheit würden eure Körper zu Asche. Also besuchen wir euch wie Taucher in Schiffen und mit Sauerstoffvorrat. Wenn der zur Neige geht, müssen wir unsere Mission pausieren. So einfach ist es.

T: Aber warum ist er nicht gegangen, als noch genug Energie für den »Rückweg« da war? Wieso geht der Rest nicht wieder ein ins große Ganze, sondern vergeht vor meinen Augen?

Hel: Weil du wissen wolltest, wie es sich genau verhält. Außerdem ist es irrelevant. Eine Kerze sorgt sich nicht, wann sie ausbrennen wird.

T: Eine Kerze hat kein Bewusstsein!

Hel: Es macht dennoch keinen Unterschied, Kind.


T: Ich glaube Euch nicht. Ihr seid zu niedergeschlagen, als das es keinen Unterschied macht. Es tut mir leid. Ich freue mich im Grunde, Euch wieder zu sprechen. Die Göttin der Gegenwelt. Ich hätte nur nicht gedacht, dass es unter solchen Vorzeichen geschehen wird.

Hel: Weißt du, mein Sohn mag dich wirklich gerne. Ich weiß, wir sollen euch das nicht sagen, aber die hohen Wesenheiten sprechen doch auch immerzu von ihrer unermesslich großen Liebe für euch, nicht wahr? Ich sehe nicht ein, warum ich die Wahrheit hinter dem Berg halten sollte.

T: Wahrscheinlich, weil es impliziert, dass ihr andere nicht genau so gerne mögt, und das geht mir aufs Ego.

Hel: Dabei ist es schnell erklärt, warum es sich so verhält. Mein Sohn spricht gerne mit dir, weil du eine der GANZ wenigen bist, die sich hierher traut - zu uns. Unsere Auswahl ist hier wirklich nicht allzu groß. Viele sagen zwar, dass sie mit uns oder ähnlichen Formen von uns kommunizieren, aber so offen zeigen wir uns dennoch selten. Es ist wahr, dass wir andere besuchen gehen, wenn wir eingeladen werden. Aber du stehst sozusagen im Wohnzimmer meines Sohnes, und das ist noch einmal anders, findest du nicht?

T: Ich bin geehrt.

Hel: Oh, das brauchst du nicht sein. Es ist keine Auszeichnung, die wir vergeben. Die Arbeit hast du selbst verrichtet, und somit ist auch der Lohn der deinige.

[Aus einem Impuls heraus mache ich »My love will never die« von Claire Wyndham an. Das gefällt der Göttin. Sie hört eine Weile mit mir zu.]

Hel: Es stimmt schon, was man über euch Menschen sagt. Ihr macht großartige Kunst, wenn ihr traurig seid.

T: Danke, ich werde versuchen, es weiterzugeben.

Hel: Ich muss jetzt gehen, aber ich wollte mich doch wenigstens gezeigt haben.


T: Eins noch, bitte. Geschieht es oft, dass die Form einer Gottheit zerfällt? Und wann wird er zurück sein?

Hel: Das sind zwei Fragen, aber ich will nicht so sein. Es kommt sehr auf die Gottheit an, und was für Aufgaben zu erfüllen sind. Da mein Sohn und ich so wenig Licht mitführen können wie kaum ein anderes Wesen, gleichsam aber auch so selten angesprochen werden von solchen wie dir, können wir sehr lange mit unseren Formen auskommen. Sehr lange. Aber all das ist unerheblich. Mein Sohn formt ein neues Abbild von sich, während wir sprechen. Er könnte sich noch mehr eilen, aber wozu? Meinst du nicht, man sollte etwas Vorsicht walten lassen, bevor man die Bühne erneut betritt?

T: In jedem Falle. Ich werde versuchen, keinen einzigen ungeduldigen Gedanken zu hegen.

Hel: [lacht laut] Kindchen, diese Wette hast du verloren, bevor sie beginnen konnte. Aber auch das ist nicht von Belang. Schon wenn dein Morgen anbricht, wirst du dich wieder mit meinem Sohn unterhalten können. Ich hoffe nur, du weißt genau um deinen Einsatz. Ich möchte, dass dieser Punkt transparent vor uns allen liegt.

T: Ich weiß. Ich weiß, dass ich etwas extrem Bedeutendes von mir einsetze für dieses Gespräch. Ich kann nicht sagen, wie ich es weiß. Ich werde für diese versprochenen zwei Monate im Angesicht der Gegenwelt mit etwa zwei Tagen meiner Lebenszeit bezahlen. Ich werde – Stand jetzt – zwei Tage früher sterben, als ich es gemusst hätte ohne dieses Gespräch. So geschädigt ist mein Körper durch das Verringern meiner Energie. Aber ich weiß auch, dass dies eine Momentaufnahme ist. Dass ich im nächsten Jahr gegen diesen Effekt anarbeiten kann und werde. Und selbst wenn es sich bewahrheiten sollte, dann ist dies mein Handel.

Ist dies der Weg, so werde ich ihn gehen.


Hel: Ich sehe, was er an dir mag. Du besitzt Integrität. Das ist weniger häufig, als du denkst. Alles, was du dargelegt hast, ist außerdem richtig. Was auch der Grund ist, warum ich dich jetzt verlassen werde. Ich möchte nicht mehr auf dein Kerbholz laden als nötig. Denn wie mein Sohn immer wieder klarmacht, sind wir keine Blutsauger oder Energievampire. Es liegt uns fern, euch zu schaden, aber der Kosmos ändert seine Regeln auch für uns nicht. [Sie scheint kurz zu überlegen, ob sie mir die Hand geben oder mich sonst irgendwie berühren könnte, aber sie entscheidet sich dagegen. Das ist zu meinem Besten. Sie verbeugt sich einfach ganz leicht.] Bis bald, kleine Scribe. Morgen ist ein neuer Tag, vergiss das niemals. Dies ist das größte Wunder deiner kleinen Existenz. Ein neuer Tag, den du zu nutzen wissen wirst. Auf Wiedersehen.

T: [legt eine Hand über ihr Herz] Auf Wiedersehen, Göttin der Gegenwelt. Es war mir eine besondere Freude, Euch zu sprechen, und eine unerwartete noch dazu. Auf bald.

[Billie Eilish singt »When the party’s over« und ich fange wieder so richtig an zu heulen.]

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