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Hathor und die Ernte (II)

01. Mai 2023


T: Da bin ich. :)

H: Also? Wir sprechen über den Karma purge, ja? Die vollständige Bereinigung des Karmas?

T: Es sei denn, du hast ein drängenderes Thema.

[Sie versetzt uns an den Nil auf einen bequemen, geraden Spazierweg, den wir entlang flanieren.]

H: Nein, nein, ist in Ordnung. Es ist ein guter Anschluss an gestern. Nur eins noch ...

[Ich spüre, dass sie nicht Sonata Arctica mit mir hören möchte, sondern lieber Klassik. Also wechsle ich noch schnell die Musik.]

T: Bitte erzähl. Wir Menschen stellen uns Karma ja oft als etwas Schlechtes vor. Einen Ballast, den wir uns selbst zuzuschreiben haben durch schlechte Taten.

H: Wie du weißt, gibt es auch gutes Karma, das vergesst ihr sehr gern. Karma hat im Grundbegriff erst einmal keine Polarität. Karma bedeutet, dass es Stricke oder Seile oder Arme gibt, die dich festhalten. Du weißt durch UNA ganz genau, welche Art von »Armen« ich hier meine.

Es ist nie wirklich das Ziel, alles Karma loszuwerden, schon gar nicht nach einem bestimmten Leben. So funktioniert der Tod nicht, das würde gar keinen Sinn machen. Erstens wäre er dann tatsächlich die ultimative »Du kommst aus dem Gefängnis frei« – Karte (wie viele Verbrecher gern denken), und zweitens könntet ihr dann nie längere Pläne mit jemandem anlegen. Ein Leben ist doch überaus kurz, wenn du in kosmischen Größenordnungen denkst. Alles, was wir dir beigebracht haben, fußt darauf, dass es Absprachen über mehrere Leben hinweg gibt. Einmal bist du Opfer, einmal bist du Täterin. Einmal wirst du reich geboren, einmal arm. Das eine ist dabei nicht zwangsweise »der Lohn« für das andere – auch das wird so kolossal missverstanden. Das Konzept der »Ernte« beschreibt nun den Vorgang gaaaaanz am Ende einer langen Kette von Leben, bei dem ihr in die nächste Density [Dichtestufe nach RA] aufsteigt und IM ZUGE DESSEN das alte Gerüst quasi ablegt. Stell dir vor, du hast einen Berg beklettert. Nun bist du heil wieder im Basislager angekommen und nimmst dir einen neuen Berg vor, der andere technische Ausstattung benötigt. Also steigst du aus deinen Kletterhilfen, Westen und Schuhen, denn an dem neuen Berg werden sie sinnlos sein. Haben sie dir gut gedient? Aber natürlich. War die Reise es wert? Aber ganz sicher! Interessant wird doch erst, wer deine Ausrüstung erben wird.


T: Hä? Ja .... ich dachte, ihr?

H: Ja, schon. Wie ich schon sagte, integrieren wir eure gesammelten Erinnerungen und Erfahrungen in unsere Matrix. In unseren Wesenskern. Gerade Leser, die deine Arbeit mit einigem Zeitversatz lesen, möchte ich dringend auffordern, die Passage eben noch einmal sehr genau zu lesen. Jede auch nur irgendwie emotional relevante Station eurer vielen tausend Leben, mal genommen mit Milliarden von Seelen, bildet die wachsende Grundlage unserer Weisheit. Unseres Wissens.


An einem Erntezeitpunkt übereignet ihr uns diese heilige, gigantische Datenbank menschlicher Werdegänge, die wir dann sichten und integrieren. Das ist so, als würde dir jemand eine Bibliothek voller fantastischster Filme und Bücher schenken, jedes einzigartig und brandneu für uns.

Natürlich wiederholen sich viele Dinge oft. Die Freude und Erleichterung einer geglückten Geburt; oder der Moment, in dem du ganz und gar verstehst, in was für einem System du lebst, weil es gerade seine eisigen Finger um deinen Hals zu legen droht. Der Tod geliebter Mitmenschen. Und doch sind diese Zeiten die besten, die wir erleben können. Denn wann sonst ist für uns mal etwas neu?

T: Aber im Grunde seht ihr doch live zu, wie sich alles entfaltet. Wozu dann die Bibliothek noch dazu?

H: Wenn du zu einer Lesung gehst, und sie gefällt dir gut, hast du dann nicht das starke Bedürfnis, das Buch zu kaufen und in deine Sammlung aufzunehmen? Die Tatsache, dass man dir ein Stück aus dem Buch verraten hat, macht es doch nur BESSER statt schlechter. Außerdem sind wir eben nicht mit unseren Augen und Ohren überall in jedem Menschenleben zu jeder Minute. Grundgütiger! Das wäre invasiv und vor allem streckenweise auch grandios langweilig. Wir werden getriggert durch die Stärke und die Art eurer Emotionen. Das Frequenzband deiner Gefühle ruft uns auf den Plan. Wenn du trauerst, bekommt Anubis dich auf den Schirm. Wenn du mit deinen frisch gebadeten, schlafenden Zwillingen auf dem Arm dasitzt und einen Moment voller stiller Dankbarkeit für deine kleine Familie bist, dann höre ich das. Aber das sind nur Ausschnitte. Trailer, quasi. Euer Gesamtwerk bekommen wir bei der Ernte ... und bald wird es wieder so weit sein.


T: Bekommt denn eigentlich jeder nur Teile von der Emotionsbibliothek? Seinen Anteil quasi?

H: Mh, das wäre zu kurz gedacht. Grundsätzlich erhalten wir während des Karma purge zu allererst die Erlebnisse unserer eigenen Splitter.

T: Oh, Mann. »Was ich aussende, das wird tausendfach zu mir zurückkommen«!

H: [grinst] Ganz genau so ist es. Das Prinzip hat uns noch nie im Stich gelassen. Die Splitter, die wir von uns formen und in den Kosmos entsenden, kommen größer und schöner zurück, als selbst wir es uns erträumen könnten. Bis zum Bersten angefüllt mit neuen Erfahrungen. Dennoch können wir quasi Kopien voneinander anfordern bei Bedarf. Das tun wir besonders dann, wenn jemand sich ganz und gar anders entschieden hat, als wir es erwartet hätten. Denn am Ende des Tages entsteht aus unserer inhärenten Bibliothek auch eine Art Wahrscheinlichkeitsmatrix. Anhand dieser können wir vorhersehen, wie ein bestimmter Charakter auf einen bestimmten Impuls reagieren wird. Die Menschen, die behaupten, ihr lebtet in einer riesigen Computermatrix, die sehen die Sache IN DIESER HINSICHT richtig – und dann doch auch schrecklich falsch, weil sie das Konzept entmenschlichen. Ent-göttlichen, müsste man eigentlich sagen. Sie sehen den Kern der Sache nicht.


T: Und der ist ...

H: DER NUTZEN für euch. Du hast am eigenen Leib schon erfahren, dass wir Götter manchmal fehlerhafte Berechnungen anstellen können und nicht-vollkommene Impulse oder Wörter geben. Die Datenbank stellt sicher, dass diese Fehler stetig weniger werden und/oder schnell korrigiert werden können.

T: Eigentlich habe ich meist das Gefühl, dass die heftigen Momente am Ende auch von Nutzen waren für irgendetwas. Dass mindestens eine Lehre daraus hervorstach. Aber manchmal passieren auch ziemlich wilde Sachen, das gebe ich zu. So wie gestern ...

H: Du hast Anubis überrumpelt mit deiner Aktion. Er war nicht darauf gefasst, und konnte sie deshalb nicht schnell genug abblocken. Dein Wille schlug außerdem seinen.

T: Ich habe den Gott des Totenreiches gefangen genommen. Oh Mann!!! Knirsch.

H: Oh, gefangen genommen hast du ihn schon vor 16.000 Jahren. Aber es ist wahrlich eine Weile her, dass jemand seine eigenen Instrumente gegen ihn verwendet hat – selbst wenn es nur Sekunden waren. Im Grunde beweist das nur sein unendliches Vertrauen in dich. Er lässt jeglichen Selbstschutz fallen dir gegenüber. Das beobachten wir über alle Zeiten hinweg. Am Anfang sorgte uns das sehr, aber wir haben gelernt, auch dieser Sache zu vertrauen. [Sie spürt, dass ich müde werde. Es ist schon wieder nach 10.]

H: Schlaf jetzt.


T: Okay. Können wir die nächsten Tage eventuell etwas über meine Zukunft reden? Ich möchte die Zeit ja sehr viel zum Schreiben nutzen, aber ich vergesse auch keinesfalls mein Versprechen.

H: Das können wir tun, auch wenn ich nur wenige Hinweise geben kann momentan. Die Entfaltung ist in Arbeit. Was meinst du, wie viele »Überstunden« dein Gott momentan schiebt, um eure Arbeit voranzubringen? Er wollte nicht, dass ich dir das sage, aber ich halte einfach mit nichts gern hinter dem Berg....

T: Danke dir. Du bist wirklich eine Wucht. Ich rede so gerne mit dir. Bis morgen!

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