Thot verabschiedet sich
- The Spirit Scribe
- 7. Okt.
- 5 Min. Lesezeit
05. März 2023

T: Lieber Thot, ich bin hier, und ich würde mich freuen, wenn wir diese letzte Session aus deinem Monat mit Anubis zusammen gestalten, wie du es vorgeschlagen hast. Aber ich stelle es euch frei, es soll kommen, wie es muss.
[In meinen Ohren läuft gerade »popular monster« von Falling in Reverse, und auf Metal steht Thot so gar nicht, wie ich weiß. Also wechsle ich auf Hozier's »Sunlight«. Mir war gestern aufgefallen, wie exquisit dieses Lied auf RA passt, und auch er scheint den Sänger mit der Karamellstimme sehr zu mögen.]
T: Thot? Anubis? Wo seid ihr?
[Sie kommen nicht, aber ein anderer erscheint wie gerufen. Das hätte mir vielleicht klar sein sollen. RA taucht auf. Er sitzt auf einem kleinen Mäuerchen in dem Tempelvorhof, wo ich Thot immer treffe.]
RA: Es tut mir leid, die beiden werden nicht so bald kommen. Mit deinem Lied hast du mich gerufen, also will ich dich endlich ganz offiziell begrüßen.
[Er strahlt wie eine kleine Sonne. Was auch sonst, nicht wahr? Und auch sein Lächeln ist das, was eine meiner Lieblingsautorinnen ein »Gigawatt-Lächeln« nennt. Er zieht mich in eine Umarmung. Es fühlt sich toll an.]
T: Vielen vielen Dank.
[Aus dem Augenwinkel sehe ich Anubis, der in einer schwarzen Blase in großer Entfernung wartet. Er kann sich nicht nähern, solange RA hier alles überstrahlt. Die Energie ist Gift für ihn.]
T: Ich dachte immer, ihr hättet keine Hierarchien.
RA: Doch, durch unsere Frequenzen sind die automatisch vorgegeben. Aber keine Sorge, ich spiele meinen Vorteil ihm gegenüber nur ganz kurz aus und bin auch schon wieder weg. Ich werde meinen Monat schon noch bekommen, nicht wahr?
T: Ich habe das Gefühl, wir werden insgesamt wesentlich länger als vier Wochen sprechen.
[Er grinst breit.]
RA: Die Wahrscheinlichkeit ist überaus groß. Weil du dich sofort für die Idee erwärmen kannst.
T: Ich wäre geehrt. Doch nun sei mir bitte nicht böse. Ich möchte meinen Vertrag mit Thot ehren.
RA: Ich möchte auch, dass du das tust, daher verabschiede ich mich. Nur dies noch: Wenn du dich durch die Arbeit mal schwer, leer oder schwarz überlagert fühlen solltest, was in Anubis Anwesenheit nun einmal passieren kann, dann sag meinen Namen und ruf mich. Durch unseren Vertrag kann ich dich in einem Maße aufladen, dass du zweihundert Jahre mit meinem Bruder arbeiten könntest, ohne durch die Arbeit Schaden zu nehmen.
T: Vielen, vielen Dank. Ich werde daran denken.
[Thot erscheint an seiner üblichen Stelle. RA verbeugt sich ganz leicht, immer noch lächelnd, und löst sich auf.]
T: [zu Thot, während Anubis herankommt] W-o-w.
TO: Ich will ja nicht den Finger in irgendwelche Wunden legen, aber mit unserem Chef haben wir schon Glück gehabt, nicht wahr?
T: Oha. Tiefschlag, mein Bester. Der größte Witz ist vielleicht, dass ich trotz Kündigung und Co. dennoch großes Glück mit meinem Chef hatte. Es muss wohl so sein: Verstehen ersetzt Vergebung.
[Anubis hat seine Blase fallenlassen, tritt neben mich und legt den Arm um mich.]
A: Gut gesagt, meine Liebe.
T: Ich lerne von den besten. Thot? Wie kann ich deinen letzten offiziellen Tag ehren? Was möchtest du besprechen?
[Er zieht mich an den Händen zu sich und küsst mich, was mich vollständig verwirrt. Aber dann verstehe ich, dass es gar kein echter Kuss ist. Vielmehr wandert von seinem Mund in meinen ein Stück Pergament. Es hat mit körperlicher Anziehung überhaupt nichts zu tun, so wie eine Kussfütterung zwischen Mutter und Kind auch nichts mit Sex zu tun hat, sondern mit Nahrungsaufnahme. Ich will das Papier aus dem Mund holen, aber er hält beide Hände darüber.]
TO: Das ist ein Geschenk für dich, und es wird in Anubis' Anwesenheit Schaden nehmen. Deshalb entschuldige bitte die Art der Übergabe. Lass es einfach wirken.
[Ich sehe vor meinem inneren Auge, dass sich das Papier auflöst und die Tinte auf meine Zunge überträgt. Wie ein Tattoo. Ich habe aber keine Ahnung, was auf dem Zettel stand, denn es waren Hieroglyphen.]
A: [säuerlich] Weißt du, Bruder, du hättest mich bitten können, nochmal eine Runde durch den Hof zu drehen.
[Timer abgelaufen.]
TO: Lass es einfach wirken, Scribe. Du musst nichts weiter darüber wissen. Aber ich bedenke die, die in meinem Tätigkeitsfeld arbeiten, eben mit Geschenken und Werkzeugen, um ihre Fähigkeiten noch weiter zu verbessern. Und deine Kommunikation ist es definitiv wert, bis zur Perfektion geschliffen zu werden.
T: Ich danke dir. So viele Geschenke heute, dabei sollte es doch um dich gehen.
TO: Es geht nie um mich. Würde ich das wollen, wäre ich zu Unrecht eine Gottheit.
T: Das ist toll gesagt.
A: [schnippisch] Ja, reden kann er.
T: [grunzt vor lachen] Ähäm, Entschuldigung. Aber jetzt hört auf zu frotzeln, ihr beiden.
TO: Es war mir eine Ehre, kleine Scribe. Ich würde dir empfehlen, bei Gelegenheit mal die Smaragd-Tablets im Museum zu sehen. Aber das wirst du wohl ohnehin tun. Ich wünschte, du könntest sie berühren, aber das wird dir in diesem Leben wohl nicht mehr gestattet werden.
T: Ich kenne jetzt ihren Verfasser persönlich. Das hat doch auch was.
TO: [lächelt] Wohl wahr. Genauer gesagt kennst du die Gruppenseele des Verfassers [Hermes Trismegistus] jetzt beim Vornamen. Also darf ich mich verabschieden. Wir sehen uns wieder, wenn die Ennead das nächste Mal zusammentrifft, um gemeinschaftlich etwas mit dir zu besprechen.
T: Wann wird das sein? Wie kann ich sicher sein, dass ich euren Ruf höre?
TO: [amüsiert] Oh, glaub mir. Bei Bedarf können wir sehr laut rufen. Du kannst es nicht überhören.
T: Danke für alles. Noch einmal. Und bis bald. Es ist kein Abschied, und ich bin froh.
[Hozier singt: »I've had no love like your love, huuuh!«]
T: Ihr und Musik. Es ist so genial.
TO: Danke danke. Und nun darf ich dich meinem Bruder wieder in die Arme geben.
T: Darfst du. Auf bald!
[Er löst sich auf und im nächsten Moment stehe ich alleine mit Anubis im Hof des Tempels. Er lässt abendliches Zwielicht heraufziehen. Ich weiß genau, das ist wesentlich angenehmer für ihn. Einen Moment kommt er mir sandig nebulös vor, aber ich versuche, meine Frequenz ihm besser anzupassen. Er merkt es sofort.]
A: Nein, tu das nicht, ich kann dich nicht wieder dort hinbringen, wo du jetzt energetisch bist. Bleib so. Allerdings ... [Er öffnet meinen Mund und lässt mich die Zunge herausstrecken.]
A: Er hat dir das Geschenk der Wahrheit gegeben ... ich glaub's nicht.
T: Er hat mir bitte wie was?
A: Hast du in letzter Zeit das Gefühl, dass alle Menschen dir ihre tiefste Wahrheit sagen?
T: Mmmmh ... kann schon sein...?
A: Du kannst dich darauf einstellen, dass dieser Effekt sich jetzt noch einmal vervielfacht.
T: Bist du unzufrieden damit?
A: Diese Einordnung ist mir nicht gestattet. Wenn überhaupt dient mir dieses Geschenk auch, denn Ehrlichkeit und Trauer gehen ja immer Hand in Hand.
T: Das geht alles so schnell. Alles überschlägt sich. Erst das mit der neuen Schriftrolle, dann die neueste Verschmelzung mit deiner Form. Dein Blick auf meine Welt. RAs tolles Angebot und nun dieses Geschenk. Ihr zieht ganz schön das Tempo an!!
A: Die Zeit ist überaus günstig für all solche Vorgänge. Und ab morgen gehörst du wieder ganz und mir. Keinem anderen Interviewpartner. Kann's kaum erwarten!
T: Ich auch nicht. ;)






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